Praxistest: Canon RF 100mm F2.8L Macro IS USM an der EOS R5

Mit dem RF 100 mm F2.8L Macro IS USM hat Canon die 100er Makro-Festbrennweite, die im DSLR-Lineup eine lange Tradition hat, mit neuen Funktionen und sehr guter Abbildungsleistung für das spiegellose R-System optimiert. Wir hatten die Gelegenheit, das neue RF-Makro an der Canon EOS R5 in der Praxis zu testen.

Gehäuse und Bedienung

Auf den ersten Blick fällt auf, dass das RF 100 mm im Durchmesser und in der Länge etwas größer und schwerer ausfällt als die ältere EF-Version. Das wird verschiedene Gründe haben: Zum einen arbeitet Canon im RF-Makro mit einem neuen optischen Aufbau aus 17 Linsenelemente in 13 Gruppen. Damit enthält es mehr Linsen als die EF-Version mit 15 Elementen in 12 Gruppen. Darüber hinaus ist das RF 100 mm F2.8L Macro IS USM mit zwei zusätzlichen Bedienelementen ausgestattet. Dazu gleich mehr.

Da das Objektiv zu Canons L-Serie gehört und damit auf die Anforderungen professioneller Fotografen zugeschnitten ist, hat Canon das RF 100 mm rundum gegen Staub und Spritzwasser abgedichtet. Am Anschluss befindet sich eine Dichtung, die verhindert, dass Schmutz und Feuchtigkeit bis in die Kamera zum Sensor gelangen. Dazu kommt eine Fluor-Beschichtung auf der Frontlinse. Dadurch ist sie leichter zu reinigen. Einziger Kritikpunkt an der Stelle: Das äußere, leicht raue Gehäusematerial wirkt nicht allzu robust. Da hatten wir ehrlich gesagt etwas Sorge, dass wir uns versehentlich schnell einen Kratzer einfangen. Hier wirkte das Gehäuse des älteren EF 100mm f/2.8L Macro IS USM insgesamt robuster.

Hilfreicher Steuerring

Kommen wir zurück zu den, im Vergleich zur EF-Version, zwei neuen Bedienelementen. Da haben wir zum einen den Steuerring, der ganz vorne, kurz vor der Gegenlichtblende untergebracht ist. Der Steuerring ist ein tolles Feature der RF-Objektive. Er lässt sich über das Kameramenü mit verschiedenen Aufnahmefunktionen belegen, um die Bedienung zu erleichtern. In unserer Kombination mit der Canon EOS R5 konnten wir uns entscheiden, ob wir die ISO-Einstellung, die Blendenwahl, die Verschlusszeit, den Weißabgleich, den Kelvin-Wert für die Farbtemperatur, die Belichtungskorrektur, den AF-Modus oder die Bildstil-Funktion auf den Ring legen möchten. Wir haben uns bei Makro-Aufnahmen meistens für die ISO-Einstellung entschieden, da die Belichtung bei Nahaufnahmen ein wichtiger Punkt ist und wir die Blende und die Verschlusszeit ohnehin über die Einstellräder der EOS R5 gewählt haben. Das kann aber natürlich jeder auf seine persönliche Arbeitsweise anpassen. Der Steuerring rastet spür- und hörbar ein. Das ist einerseits gut, wenn ihr den Ring bedient, während ihr durch den Sucher blickt. Dann habt ihr ein direktes, haptisches Feedback. Möchtet ihr allerdings mit dem RF 100 mm filmen, und habt euer Mikrofon oben auf der Kamera angebracht, müsst ihr damit rechnen, dass das Klacken beim Einrasten auch auf der Tonspur zu hören ist.

Steuerung der sphärischen Aberration

Das zweite neue Bedienelement nennt sich SA-Control. Das Kürzel „SA“ steht für sphärische Aberration. Es handelt sich dabei um einen Steuerring, der sich entweder in einen negativen (Minus) oder einen positiven (Plus) Bereich drehen lässt. Auf diese Weise nehmt ihr Einfluss auf die sphärische Aberration und damit auf die Unschärfe im Bild, also auf das Bokeh. Dreht ihr den Ring in den Minus-Bereich, zeigt euch die Live-Vorschau am Kameradisplay und im elektronischen Sucher ein sehr weiches, cremiges Bild. Diesen Effekt erreicht ihr, wenn ihr mit weit offener Blende, also f/2,8 fotografiert. Sobald ihr abblendet, zeigt das Display zwar nach wie vor eine deutliche Weichzeichnung – nach der Aufnahme seht ihr aber, dass das Bild insgesamt schärfer ist. Das liegt einfach daran, dass das Vorschaubild bei offener Blende generiert wird.

Wie ihr auf den Beispielbildern sehen könnt, wird das Motiv durch die Veränderung der sphärischen Aberration zunehmend unschärfer. Wir haben bei allen drei Bildern vom Stativ fotografiert und per Autofokus immer auf die gleiche Stelle scharfgestellt. Da geht dann schon deutlich Schärfe verloren. Diesen Umstand könnt ihr aber durchaus als kreatives Element für eure Aufnahmen nutzen.

SA-Control bei Blende f/2,8 in Plus-Richtung gedreht.

Automatischer und manueller Fokus

Canon setzt im RF 100mm F2.8L Macro IS USM auf einen Autofokus mit zwei Nano-USM-Motoren. Unser Eindruck: Bei gutem Licht reagiert der AF sehr schnell. Bei der Schärfeverlagerung vom Hinter- auf den Vordergrund und umgekehrt, merkt man, dass es keine gleichmäßige, sondern eine sprunghafte AF-Bewegung ist. Das scheint aber richtig gut zu funktionieren. Bei schwachem Licht braucht der AF etwas länger, arbeitet aber zuverlässig. Auch im Servo-Modus, also der kontinuierlichen Schärfenachführung, machte die Objektiv/Kamera-Kombination einen guten Job. Der Servo-Modus eignet sich, wenn ihr zum Beispiel Blüten-Makros aus der freien Hand aufnehmen möchtet.

Wählt ihr den Einsatz auf einem Stativ mit manuellem Fokus, dann habt ihr mit dem Fokussystem des RF 100 mm zwei Möglichkeiten: Dreht ihr recht schnell am Fokusring, kommt es zu einer sprunghaften und damit größeren Schärfeverlagerung. Umgekehrt führt eine langsame Drehbewegung zu einer sehr feinen Verlagerung der Schärfeebene. Das funktioniert in der Praxis gut, bedarf anfangs aber etwas Übung. Wir mussten erstmal austesten, was für den Fokusring eine schnelle und was eine langsame Bewegung ist. Anfangs ist es uns hin und wieder passiert, dass wir fein justieren wollte, dann aber doch einen Tick zu schnell gedreht haben und es dann zu einer sprunghaften Schärfeverlagerung kam. Das hat man aber schnell raus.

Canon schreibt auf der Produktseite des RF 100mm F2.8L Macro IS USM, dass das Focus-Breathing unterdrückt wird. Als Fokus-Breathing wird eine Brennweiteveränderung beim Scharfstellen bezeichnet. Wir haben zwar ein leichtes Focus-Breathing im Praxistest wahrgenommen – Canon hat das Problem aber tatsächlich gut im Griff.

Hybrid-Stabilisierung bis 8LW an der EOS R5

Das RF 100 mm F2.8L Macro IS USM ist mit einer optischen Bildstabilisierung ausgestattet, die in der Lage sein soll, bis zu fünf Lichtwertstufen auszugleichen. In Kombination mit einer EOS R5 und einer EOS R6 soll es im Hybrid-Verfahren, also im Zusammenspiel der optischen Stabilisierung im Objektiv und der sensorbasierten Stabilisierung in der Kamera, möglich sein, sogar bis zu acht Lichtwertstufen auszugleichen. Dabei weist Canon in einer Fußnote darauf hin, dass sich der Effekt des Bildstabilisators bei kürzeren Abständen reduziert.

Wir haben die Stabilisierung mit einer EOS R5 getestet und die Verschlusszeit, ausgehend von einer 1/100 Sekunde, stetig um eine Lichtwertstufe verlängert. Dabei kamen wir beim unten gezeigten Praxisbild mit der Schildkrötenfigur, bei einem Abstand von circa 30 Zentimetern, bis einschließlich einer 1/6 Sekunde zu scharfen Ergebnissen. Das entspricht vier Lichtwertstufen. Bei 0,3 Sekunden, also fünf Lichtwertstufen, war das Ergebnis in der 100-Prozent-Ansicht auch nach mehreren Versuchen nicht mehr ganz scharf. Bei größeren Abständen zum Motiv nimmt die Wirkung des Hybrid-Bildstabilisators dagegen tatsächlich deutlich zu. Aus circa drei Metern zum Motiv gelang uns noch mit 2,5 Sekunden ein scharfes Bild. Das entspricht den von Canon angekündigten acht Lichtwertstufen.

Bildqualität

Canon hat es geschafft, den optischen Aufbau so zu konstruieren, dass das RF 100 mm mit einem Abbildungsmaßstab von 1,4:1 leicht größer als im Original abbildet. Mit einer Naheinstelldistanz von kurzen 26 Zentimetern ab der Sensorebene hatten wir tatsächlich das Gefühl, mit dem Objektiv an der Blüte (Bild) anzustoßen. Wir mussten teilweise sogar wieder etwas zurückgehen, weil wir uns auf die kurze Entfernung mit der Gegenlichtblende selbst das Licht genommen haben. Es ist wirklich klasse, wie nah man an das Motiv herankommt und welche Details noch zu sehen sind. Typisch für den Nahbereich sinkt die Schärfentiefe dabei sehr deutlich. Das Bild der Blüte ist mit einer Blendenöffnung f/8 entstanden. Wie man an den Blütenstängeln sehen kann, beträgt die Schärfentiefe nur wenige Millimeter. Dabei hat es uns positiv überrascht, dass wir diese Aufnahme recht einfach aus der Hand mit eingeschaltetem Servo-AF aufnehmen konnten.

Beim Blick auf die Auflösung zeigt das RF 100 mm in den RAW-Bildern im Bildzentrum bereits ab Blende f/2,8 eine sehr gute Detailschärfe, die bis einschließlich f/11 erhalten bleibt. Bei f/16 ist die Schärfe noch gut. Ab f/22 macht sich eine deutliche Beugungsunschärfe bemerkbar.

In den Ecken sehen wir in den RAW-Bildern bei f/2,8 ein gute Detailschärfe, die bei f/4 zunimmt und bei f/5,6 das beste Ergebnis zeigt. Diese sehr gute Schärfe in den Ecken hält das RF 100 mm bis einschließlich f/11. Danach nehmen die Details wieder etwas ab. Bei f/16 ist die Schärfe am Rand noch gut. Ab f/22 setzt dann deutlich die Beugung ein.

Was die Vignettierung, also den Helligkeitsverlust am Bildrand, betrifft, kommt es in den RAW-Dateien zu einer deutlich sichtbaren Abschattung bei offener Blende f/2,8. Auf f/4 abgeblendet ist die Helligkeit schon ausgeglichener und ab Blende f/5,6 ist sie kein Thema mehr. Auf den JPEGs sieht man, dass die kamerainterne Korrektur vor allem bei f/2,8 sichtbar eingreift.

Farbsäume hat das RF 100mm F2.8L Macro IS USM sehr gut im Griff. In unseren Praxisbildern sind uns keine störenden Säume aufgefallen.

Fazit

Canon ist mit dem RF 100mm F2.8L Macro IS USM ein sehr gutes Makro-Objektiv gelungen, das in der Praxis wirklich Spaß macht. Die Bildschärfe ist erstklassig und der Abbildungsmaßstab von 1,4:1 ermöglicht schöne Vergrößerungen feiner Details. Der Autofokus arbeitet schnell und treffsicher. Bei der manuellen Fokussierung muss man sich anfangs etwas Zeit nehmen, um die optimale Drehgeschwindigkeit des Fokusrings zu üben. Der optische Bildstabilisator funktioniert sehr gut und gleicht an der Canon EOS R5 tatsächlich bis zu acht Lichtwertstufen aus. Allerdings muss man sich dafür recht weit vom Motiv entfernen. Auf kurzen Entfernungen zum Motiv nimmt die Wirkung der Stabilisierung sichtlich ab. Die Steuerung der sphärischen Aberration ist ein cooler Effekt, der aber vermutlich nur gelegentlich als kreatives Element zum Einsatz kommt. Die stärkste Weichzeichnung wird bei offener Blende f/2,8 erreicht. Da gehen dann aber tatsächlich recht viele Details in der Weichzeichnung unter. Für Porträts kann das auf jeden Fall Spaß machen. In der Makro-Fotografie wird das Feature vermutlich eher selten zum Einsatz kommen. Das Gehäuse ist abgedichtet, wirkt aber mit seiner leicht rauen Oberfläche so, als sei anfällig für Kratzer.

Alles in allem ist das RF 100mm F2.8L Macro IS USM auf jeden Fall eine Empfehlung für alle Makro-Fans im Canon R-System. Der Preis ist allerdings nicht ohne. Rund 1.550 Euro muss man derzeit für das Profi-Makro auf den Tisch legen. Die Leistung ist es aber durchaus wert.